
Seit dem ersten Instagram-Post verfolge ich, wie Dust Moto die Hightail baut, und jetzt wackelt ausgerechnet dieses Bike, zum zweiten Mal nach Alta im Umfeld von Harley-Davidson.
Ich gebe zu: Die Story hatte ich im Kopf schon fertig. Harley kauft Alta, macht Alta dicht. Harley kauft Dust, und wieder geht das Licht aus. Der Fluch von Milwaukee. Klingt gut, stimmt aber so nicht. Ich habe mir die Unterlagen angesehen, deshalb erst die Fakten, dann meine Meinung.
Fakt: Harley-Davidson hat Alta Motors nie übernommen. Am 1. März 2018 meldete Harley eine Minderheitsbeteiligung und eine gemeinsame Produktentwicklung. Ein Harley-Manager sprach später von einer „small interest“. Im September 2018 erklärte Harley die Partnerschaft für beendet. Am 18. Oktober 2018 stellte Alta den Betrieb ein, mit über 70 Händlern und einem Redshift, der wenige Wochen zuvor als erstes Elektromotorrad auf einem AMA-Profipodium stand. Die Patente kaufte im Februar 2019 BRP aus der Gläubigerabwicklung, ohne Interesse an einem Neustart. Harley baute stattdessen eine eigene E-Entwicklung in Kalifornien auf.
Meine Sicht: Totengräber ist das falsche Wort. Harley hat Alta nicht begraben. Harley ist nur in dem Moment gegangen, als Alta Rückendeckung am dringendsten gebraucht hätte. Für ein Start-up, das von Kapital lebt, ist so ein Abgang ein Signal an alle anderen Geldgeber. Was danach kam, war absehbar.

Und jetzt wird es für mich persönlich. Die Hightail ist nicht irgendein Bike, auf das ich als Redakteur schaue. Ich habe die Entwicklung bei Dust vom ersten Instagram-Beitrag an verfolgt und warte, ehrlich gesagt, sehnlichst darauf. Ich bin Hobbyfahrer, knapp unter 1,70 Meter groß, und für mich könnte ein kompaktes, leichtes E-Dirtbike wie die Hightail genau das perfekte Bike sein. Dazu kommt die Optik: solide, aufgeräumt, schnörkellos. Kein Plastikgewitter, sondern ein Bike, das sich klar vom chinesischen Wettbewerb absetzt. Und Made in USA wäre in diesem Segment auch mal etwas ganz anderes.
Fakt: Dust Moto aus Bend, Oregon, hat die Hightail im Dezember 2024 vorgestellt, kompakt, mit Wechselakku, gebaut in den USA. Am 18. Mai 2026 kaufte LiveWire, die börsennotierte E-Tochter mit Harley als Mehrheitsaktionär, im Wesentlichen alle Assets von Dust. Bar flossen 375.000 US-Dollar, der Rest in Aktien, teils gestaffelt, teils erfolgsabhängig. Im Oktober kündigte LiveWire die Hightail als „production-intent“ für die EICMA an, Marktstart 2027. Dann ging es schnell: Am 21. Oktober trat CEO Karim Donnez zurück, am 25. Oktober übernahm ein Restrukturierungsexperte die Führung. Am 29. Oktober schrieb LiveWire in seine Quartalszahlen, es bestehe „substantial doubt“, ob das Unternehmen die nächsten zwölf Monate durchhält. Die Kasse war seit Jahresbeginn von 82,8 auf 39,9 Millionen US-Dollar geschrumpft. Am selben Tag sagte Harley-Chef Artie Starrs vor Analysten: „We don't intend to fund the operating losses of LiveWire going forward.“
Meine Sicht: Das ist dasselbe Muster wie 2018, nur eine Etage tiefer. Damals hat Harley eine Partnerschaft beendet, heute verweigert Harley der eigenen Tochter frisches Geld. Die Botschaft an den Markt ist beide Male dieselbe: Milwaukee zahlt nicht nach.
Bleibt der „perfide Plan“. Fakt: Harley ist nicht nur Mehrheitsaktionär, sondern auch Kreditgeber. Der Laufzeitkredit über bis zu 75 Millionen US-Dollar wird am 15. Dezember 2027 fällig und ist laut Vertrag mit fast allem besichert, was LiveWire besitzt: Inventar, Konten, Patente, Marken, ausdrücklich auch mit später erworbenen Assets. Im Insolvenzfall darf Harley seine Forderung in einem Verkauf der Sicherheiten einsetzen.
Meine Sicht: Einen geheimen Plan kann ich nicht belegen, und ich unterstelle ihn auch nicht. Solche Klauseln sind bei besicherten Krediten Standard. Aber man muss die Struktur kennen, um die Lage zu verstehen: Wenn LiveWire fällt, steht Harley ganz vorne in der Schlange. Ob die Dust-Technik dann in Milwaukee landet, bei einem neuen Eigentümer oder in einer Schublade, weiß heute niemand. Ein Plan braucht keine Verschwörung, wenn das Vertragswerk schon alle Optionen offenhält.

Was mich wirklich ärgert, ist nicht Harley. Ein Konzern, der sein Kerngeschäft retten muss, darf Verluste stoppen. Mich ärgert, dass ausgerechnet die zwei Projekte, die für uns Offroader am meisten Sinn ergeben haben, dabei unter die Räder kommen. Alta war für mich das ernsthafteste E-Dirtbike seiner Zeit. Die Hightail ist genau die Klasse, über die wir bei ONDIRT® seit Monaten in On charge reden: leicht, leise, verspielt, für Leute, die auf die Strecke wollen und nicht ins Café. Fakt: Bei der Vorstellung waren die ersten Auslieferungen für Ende 2025 angekündigt, heute steht auf der LiveWire-Seite „Available 2027“, nachzulesen in On charge. Meine Sicht: Mit einem Mutterhaus in Restrukturierung ist das kein gutes Zeichen.
Meine Lehre daraus ist unbequem: Ein großer Name auf dem Kaufvertrag ist keine Lebensversicherung. Wer im E-Dirt-Segment überleben will, braucht Stückzahlen, Marge und Geldgeber mit langem Atem. Fakt: LiveWire hat 2025 genau 653 Elektromotorräder verkauft. Meine Sicht: Damit trägt sich kein Konzern-Ableger.
Ich schaue trotzdem hin, und ich hoffe weiter. Laut LiveWire soll die Hightail in Mailand stehen, und ich wünsche dem Team aus Bend, dass sie ihren Weg auf die Strecke findet, mit wem auch immer. Ich will dieses Bike fahren, nicht seinen Nachruf lesen. Aber die Frage bleibt: Ist Harley der Fluch des E-Dirtbikes, oder ist es einfach das Geschäft, und wir Offroader müssen aufhören, auf die großen Retter zu hoffen?
Ich glaube: eher Letzteres. Was meint ihr?