Verbinde mit ONDIRT® Shop...

Motorradführerschein-Klassen einfach erklärt - und warum 16-Jährige 80 PS fahren dürfen

Zuletzt aktualisiert am 15. März 2026

80 PS mit der Stark Varg. Für 16-Jährige. Ich weiß immer noch nicht, ob ich das geil oder grenzwertig finden soll, aber ehrlich gesagt ist es vielleicht auch gar nicht mein Job, das zu entscheiden. Was ich tun kann, ist für euch mal ein paar Fakten und Hintergründe in unser Führerscheinsystem zu bringen, speziell für zwei Räder, denn da herrscht selbst unter langjährigen Fahrern erstaunlich viel Halbwissen. Da fährt ein Rentner mit einem Autoführerschein von 1979 völlig legal auf der 125er durch Südtirol, während sein Sohn mit frisch absolvierter B196-Schulung schon in Kufstein ein Problem hat. Und am Ende erkläre ich euch, warum die Sache mit den 80 PS aus Sicht von Stark Future weder geil noch grenzwertig ist, sondern einfach nur genial. Falls du vorher nur kurz wissen willst, was du selbst fahren darfst, nimm den Schnellcheck.

ONDIRT® Schnellcheck · Was darfst du fahren?
Nach bestem Wissen und Gewissen, die Details stehen im Manual darunter.

Das Stufensystem von Mofa bis A

Seit 2013 gibt es EU-weit das Stufensystem, und die Grundidee dahinter finde ich bis heute vernünftig. Wer jung anfängt, wächst über die Jahre in die Leistung hinein, und wer erst später aufs Zweirad kommt, darf gleich eine Nummer größer einsteigen. Am Ende führen fünf Wege zum Bike, und wenn man sie nebeneinanderlegt, sieht das sogar ziemlich aufgeräumt aus.

KlasseAb wannWas du fahren darfstPrüfung
Mofa1525 km/h, einsitzignur Prüfbescheinigung
AM15 (bis zum 16. Geburtstag nur in DE)bis 45 km/h, 50 ccm bzw. 4 kW, z. B. eine Surron oder Talaria in der L1e-VersionTheorie + Praxis
A116bis 125 ccm und 11 kW, max. 0,1 kW pro kg, also die klassische „125er“ und L3e-A1-ElektrosTheorie + Praxis
A218bis 35 kW (48 PS), ungedrosselt max. 70 kW AusgangsleistungTheorie + Praxis, mit 2 Jahren A1 nur Praxis
A24, oder 20 nach zwei Jahren A2alles, ohne GrenzeTheorie + Praxis, mit 2 Jahren A2 nur Praxis
B19625, plus fünf Jahre Klasse Bwie A1, aber nur in Deutschlandkeine, nur Schulung

Zwei Dinge aus dieser Tabelle wissen erstaunlich wenige. Im Autoführerschein steckt die Klasse AM automatisch mit drin, eine 45-km/h-Surron darfst du also vermutlich längst fahren, ohne es zu ahnen. Und das Stufensystem belohnt alle, die früh anfangen, denn wer zwei Jahre A1 gefahren ist, braucht für den Aufstieg auf A2 nur noch die praktische Prüfung, und von A2 zu A gilt dasselbe. Wer mit 16 einsteigt, sitzt mit 20 auf dem offenen Motorrad und hat die Theorie genau einmal in seinem Leben gelernt. So weit funktioniert das System. Kompliziert wird es mit den Sonderwegen, und davon haben wir uns über die Jahre einige geleistet.

Die Sache mit B196

Seit 2020 können Autofahrer die 125er per Schulung freischalten. Man muss 25 sein, den B-Schein seit fünf Jahren haben, dann neun Einheiten à 90 Minuten in der Fahrschule absitzen, vier davon Theorie und fünf Praxis, und am Ende gibt es ohne jede Prüfung die Schlüsselzahl 196 in den Führerschein. Ich kenne einige, die genau so zu ihrer L3e-Talaria oder einer kleinen Supermoto gekommen sind, und ich finde den Weg für Leute mit zwanzig Jahren Fahrpraxis auch völlig in Ordnung.

Nur wurde die Sache eben nicht zu Ende gedacht. B196 ist rechtlich bloß eine deutsche Ausnahmeregel, die an der Grenze endet. Sie zählt außerdem nirgends als Vorbesitz, wer irgendwann auf A2 will, fängt trotz Schulung und jahrelanger 125er-Praxis wieder komplett von vorne an. Es gibt also eine Qualifikation, mit der man in Deutschland jahrelang unfallfrei Motorrad fahren kann, die aber weder im Nachbarland noch beim Aufstieg irgendetwas wert ist. Eine Erklärung dafür habe ich bis heute nirgends gefunden.

Was davon im Ausland gilt

Beim Auslandsteil wird es dann richtig bitter. Die EU-Klassen AM, A1, A2 und A gelten in der ganzen EU und auch in der Schweiz, daran gibt es nichts zu rütteln, der Siebzehnjährige mit A1 darf mit seiner 125er legal über den Brenner. Sein Vater mit B196 darf das nicht. Der ist ab der Grenze ohne gültige Fahrerlaubnis unterwegs, was dort als Straftat behandelt wird, und im Fall eines Unfalls redet auch noch die Versicherung mit. Dabei hatten fast alle unsere Nachbarn dieselbe Idee wie wir. Österreich lässt Autofahrer nach einer Schulung 125er fahren, der Code dort heißt 111, Frankreich nennt es Formation 125, in Italien steckt die 125er gleich im nationalen B mit drin. Jedes Land hat sich seine eigene Autofahrer-auf-die-125er-Regel gebaut, und keines erkennt die der anderen an. Warum eigentlich nicht, konnte mir bisher niemand beantworten.

LandAM / A1 / A2 / AB196Wissenswert
Österreichgiltgilt nichteigene 125er-Regel (Code 111), nur für österreichische Scheine
Schweizgiltgilt nichtkein EU-Land, erkennt deutsche EU-Klassen aber an
Italiengiltgilt nichtItaliener fahren 125er mit ihrem nationalen B, auf Deutsche nicht übertragbar
Frankreichgiltgilt nichteigene „Formation 125“ für B-Inhaber, ebenfalls rein national
Niederlandegiltgilt nicht
Tschechiengiltgilt nicht
Polengiltgilt nicht

Immerhin bewegt sich gerade etwas. Die EU hat im Frühjahr 2025 ihre vierte Führerscheinrichtlinie beschlossen, und darin gibt es mit dem Code 60.02 erstmals einen Mechanismus, über den Länder ihre nationalen 125er-Regeln gegenseitig anerkennen können. Von alleine passiert dabei allerdings nichts, jedes Land muss sich einzeln dafür entscheiden, und realistisch rechnet kaum jemand vor 2026 mit den ersten Anerkennungen und vor 2028 mit einer flächendeckenden Lösung. Bis dahin bleibt die 125er mit B196 im Urlaub leider zu Hause, oder man erkundigt sich vor der Abreise, was im Zielland aktuell gilt.

Die alten Herren mit Klasse 3

Falls du denkst, verworrener geht es nicht, dann sprich mal mit jemandem, der seinen Führerschein vor dem 1. April 1980 gemacht hat. Die alte Klasse 3 war der normale Autoführerschein, aber wer sie vor diesem Stichtag erworben hat, bekam die Leichtkrafträder damals einfach mit dazu, und dieser Besitzstand gilt bis heute weiter. Beim Umtausch in den Kartenführerschein wird daraus ein vollwertiges A1, die echte EU-Klasse. Diese Generation hat nie eine Motorradprüfung gesehen, viele haben seit Jahrzehnten auf keinem Zweirad gesessen, und trotzdem dürfen sie heute EU-weit 125er fahren, mit der Schlüsselzahl 79.05 sogar befreit von der 0,1-kW-pro-Kilo-Grenze, an die sich jeder frisch geprüfte A1-Fahrer halten muss. Der Mann mit dem grauen Lappen von 1979 ist in Südtirol also legal unterwegs, sein Sohn mit nagelneuer B196-Schulung nicht. Ich habe das mehrfach gegengelesen, weil ich es selbst kaum glauben wollte. Falls in deiner Familie noch so ein alter Lappen liegt, schau beim Umtausch genau hin, dass A1 mit der 79.05 sauber eingetragen wird, denn da verschenken Ämter gelegentlich Rechte, die den Leuten zustehen.

Und jetzt zur Varg

Die Stark Varg EX und die Supermoto-Version Varg SM sind als Leichtkrafträder der Klasse L3e-A1 homologiert. Sie gelten rechtlich also als 125er und dürfen ab 16 ungedrosselt gefahren werden, bei bis zu 60 kW Spitzenleistung, das sind rund 80 PS, und ungefähr 125 Kilo Gewicht. Eine normale 125er hat 15 PS. Möglich macht das die Art, wie Europa Elektromotorräder vermisst. Bei Verbrennern zählt die Maximalleistung, bei Elektros dagegen die Nenndauerleistung nach der UN-Regelung ECE R85, also die Leistung, die der Motor 30 Minuten am Stück halten kann. Die Software der Varg regelt diesen Dauerwert auf rund 9 kW ein und bleibt damit unter der 11-kW-Grenze, während sie kurzzeitig ein Vielfaches freigibt. Selbst die Grenze von 0,1 kW pro Kilo wird mit dem Nennwert gerechnet und ist damit kein Hindernis. Wichtig dabei, das ist keine Grauzone und kein Tuning-Trick, die Homologation ist völlig sauber, Stark hat sich einfach nur genauer mit dem Regelwerk beschäftigt, als der Gesetzgeber es beim Schreiben getan hat.

Und genau deshalb lohnt es sich, die Sache mal aus Sicht von Stark Future zu betrachten. Die haben ein MX-Bike entwickelt, das auf der Strecke mit jeder 450er mithält, und standen dann vor der Frage, die jeden Hersteller umtreibt, nämlich wer das Ding eigentlich fahren darf. Mit der A1-Homologation haben sie sich die Antwort mit dem größtmöglichen Publikum geholt. Jeder 16-Jährige mit frischem A1, jeder Autofahrer mit B196-Eintrag und jeder Klasse-3-Veteran von 1979 darf ihr stärkstes straßenzugelassenes Bike ungedrosselt bewegen, in ganz Europa, ohne dass Stark dafür auch nur ein Bauteil ändern musste, weil die ganze Einstufung in der Software passiert. Die Verbrenner-Konkurrenz kann diesen Weg nicht mitgehen, ein 125er-Motor gibt physikalisch nicht mehr her, und ein größerer fällt sofort aus der Klasse. Während alle anderen Hersteller ihre Einsteigerbikes auf 15 PS kastrieren müssen, verkauft Stark das aufregendste Bike des Marktes ausgerechnet in der Klasse mit den jüngsten Fahrern und den meisten Berechtigten. Man kann von dem Ergebnis halten, was man will, aber als Schachzug ist das weder geil noch grenzwertig, sondern einfach nur genial.

Wie lange das Fenster offen bleibt, weiß niemand. In der Branche gehen viele davon aus, dass die Einstufung mittelfristig angepasst wird, vermutlich über eine zusätzliche Grenze für die Spitzenleistung, denn die Regel wurde zu einer Zeit geschrieben, als Dauer- und Spitzenleistung noch nah beieinander lagen, und mit einem Faktor fünf dazwischen hat damals offensichtlich niemand gerechnet. Bis es so weit ist, gilt der Stand von heute. Zwei Dinge gebe ich euch trotzdem mit. Die Physik kennt keine Führerscheinklassen, und was 80 PS bei 125 Kilo mit einem Anfängerfehler anstellen, will man sich nicht im Detail ausmalen. Und wer über so ein Bike nachdenkt, sollte vorher mit seiner Versicherung telefonieren, denn die rechnet nicht immer nur mit dem Papierwert. Ob ihr das Ganze am Ende geil findet oder grenzwertig, überlasse ich euch. Falls dich das Thema E-Dirtbikes grundsätzlich packt, welche Modelle überhaupt auf die Straße dürfen und wo du damit fahren kannst, das habe ich im E-Dirtbike-Manual aufgeschrieben.

Kurz beantwortet

Was darf ich mit 16 fahren?
Mit A1 alles bis 125 ccm und 11 kW Nenndauerleistung, vom klassischen Leichtkraftrad bis zur Stark Varg EX.

Reicht mein Autoführerschein für eine Surron?
Für die L1e-Version mit 45 km/h ja, denn B enthält AM. Für L3e-Modelle brauchst du A1, A2, A oder den B196-Eintrag.

Gilt B196 in Österreich oder Italien?
Nein, in keinem Land außer Deutschland. Das kann sich durch die EU-Reform ab 2026 schrittweise ändern, ist aber Stand heute nicht der Fall.

Ich habe Klasse 3 von vor April 1980, was gilt für mich?
Beim Umtausch bekommst du A1 als vollwertige EU-Klasse eingetragen und darfst 125er EU-weit fahren, ganz ohne Schulung oder Prüfung.

Kann ich von B196 auf A2 aufsteigen?
Nicht direkt. B196 zählt nicht als Vorbesitz, für A2 startest du mit der regulären Ausbildung.

Was ist mit B197?
Hat mit Motorrädern nichts zu tun, das ist die Automatik-Regelung für den Autoführerschein.

Brauche ich für die MX-Strecke überhaupt einen Führerschein?
Nein. Auf abgesperrtem Gelände ist kein Führerschein nötig, deshalb fahren Kinder Motocross. Der Führerschein regelt nur den öffentlichen Verkehr, und dazu zählt auch der Weg zur Strecke.

Christian J. Reisnecker

Schickt mir eure Ideen, Fragen und Kommentare, ich lese alles. Und wenn ihr es besser wisst, erst recht.

Euer Christian

Aus den Manuals. Nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewehr und Gewähr, und keine Rechtsberatung.

Warenkorb